Idee

Warum dieses Projekt?

Die Idee für diese fiktive Änderung von Verwaltungsgrenzen im Rahmen des Kunst- & Diskursprojekts „TRANSMURAL – Kunst verschiebt Grenzen!“ stammt von Joachim Hainzl. Seit Beginn der 1990er-Jahre beschäftigt er sich in einer Vielzahl von sozialhistorischen Recherchen, Ausstellungen, Workshops, Stadtrundgängen und Buchbeiträgen mit der Teilung der Stadt Graz entlang des Flusses.

Warum sorgt die Mur für eine Trennung der Stadt?

Hainzl: „Es gibt viele Städte an Flüssen, wo es im Laufe der Geschichte zu einer unterschiedlichen Entwicklung auf den beiden Uferseiten gekommen ist. Wo sich auf der einen Seite ein durch eine Stadtmauer geschütztes Zentrum entwickeln konnte und auf der anderen Seite des Flusses zur selben Zeit Vorstädte entstanden, die ungeschützt waren.

In diesen Vorstädten wurden oft entlang von Bahnlinien Industrieanlagen angesiedelt und es entstanden Arbeiter:innenbezirke mit einer hohen Anzahl von Zugewanderten. In den bürgerlichen Machtzentren wiederum konzentrierten sich Einrichtungen der Politik, Wirtschaft, Religion und Bildung. Später dann wurde, wie in Graz, der Innenstadtbereich um bürgerliche Wohngebiete auf der selben Flussseite erweitert. Das ist keine ‚gottgegebene‘ Entwicklung, es ist eine Teilung und soziale Trennung der Stadt aufgrund politischer Entscheidungsprozesse.“  

Ist diese Trennung heute überhaupt noch spürbar?

Hainzl: „Selbstverständlich. Während östlich der Mur viele alte ‚repräsentative‘ Gebäude der einst Herrschenden erhalten werden, wurden viele alte vorstädtische Strukturen der einstigen Vorstädte abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Das bedeutet jedoch auch, dass es im Grazer Westen eine hohe Dynamik an Neubauten gibt, während der östliche Teil der Stadt ein – auch für touristische Vermarktungszwecke –  konserviertes Gebiet mit wenig Veränderungsmöglichkeiten ist.

Ich habe mir auch die Verteilung von Ärztinnen und Ärzten in der Stadt angesehen – hier gibt es ebenfalls weiterhin eine gravierende Benachteiligung des Grazer Westens. In der Verkehrsentwicklung kam es ebenso zu unterschiedlichen Entwicklungen. Die im 19. Jahrhundert überlegte Gürtelstraße ist heute noch an den damals bereits vergebenen Straßennamen erkennbar. Aber vergleiche einmal das Aussehen und Verkehrsaufkommen des Eggenberger- oder Bahnhofgürtels mit dem des Rosenberg- oder Ruckerlberggürtels! Das bedeutet, dass wir auch in Zukunft mit diesen historisch bedingten Entwicklungen leben müssen.

Und nicht genug der alten  Grenzen, wurden in den letzten Jahrzehnten neue Verwaltungsgrenzen gebildet, die aber ganz reale Auswirkungen haben, etwa durch die Aufteilung des Arbeitsmarktservices oder die erst 2007 durchgeführte Neubenennung der Gerichtsbezirke in Graz West und Graz Ost, wobei deren Grenze nur in Graz entlang der Mur verläuft.“    

Im Internet, etwa auf Instagram, kursieren ja viele „lustige“ Memes, die sich über die Unterschiede zwischen 8010 und 8020 lustig machen. Was hältst du davon?

Hainzl:Wenn etwa ein Foto von mehreren tausend Leuten gelikt wird, wo das Carsharing in ‚8010‘ tatsächlich ein solches ist, während es in ‚8020‘ für einen Autodiebstahl steht, dann finde ich diese simplen stereotypen Darstellungen nur begrenzt lustig. Aber es zeigt, dass auch heute noch bei vielen in den Köpfen diese Unterscheidung weiterlebt und dass dabei die westlich der Mur gelegene Stadt immer schlechter wegkommt und sie mit negativen Vorurteilen –  wie kriminell, ‚Ausländerghetto‘ etc. –  verbunden wird.

Viel hat sich da in den letzten rund 150 Jahren anscheinend nicht getan. Denn 1878 meinte der Chronist Janisch, es bestünden ‚hier gleichsam zwei Städte, nur durch den Fluss geschieden.‘ Während die Bürgerfamilien, in welchen ‚ein klarer religiöser Sinn und sittlicher Anstand jede Unmoralität ferne hält […], voll gegenseitiger zärtlicher Sorglichkeit und aufopfernder Hingebung‘ leben würden, würde es am rechten Murufer –  wo die Ärmsten hausten –  ‚als Folge großer Unreinlichkeit, feuchter Wohnungen und schlechter Nahrung‘ ganz anders aussehen. Umso wichtiger ist es, diese alten Denkstrukturen aufzubrechen. „ 

Wie entstand die Idee zum Projekt und glaubst du, dass sich dadurch wirklich etwas verändern könnte?

Hainzl: „Verwaltungsgrenzen zu ändern ist ein in der Geschichte immer wieder erprobtes Mittel (bisweilen auch von Diktatoren), um dadurch auch neue gedankliche Einheiten und Identitäten zu bilden. In Graz gab es in den letzten neun Jahrzehnten immer wieder kleinere aber auch große Veränderungen bei den Stadt- und Bezirksgrenzen. So entstand Groß-Graz nach der Machtergreifung der Nationalsozialist:innen im Jahr 1938 (bis dahin bestand Graz nur aus den inneren sechs Bezirken), nachdem die dazu seit den 1890er-Jahren existierenden Pläne von den meisten Umlandgemeinden bekämpft wurden.

Überhaupt erst 1988 wurde aus Teilen der Katastralgemeinden Straßgang, Rudersdorf, Webling und Gries ein neuer Bezirk erschaffen, der als Bezirk Puntigam heute nicht mehr wegzudenken ist bzw. dessen kurze Existenzdauer jüngeren Grazer:innen vielleicht gar nicht bewusst ist. Vor 10 Jahren schließlich wurden durch die Steiermärkische Gemeindestrukturreform hunderte steirische Gemeinden zusammengelegt und damit (für viele anfangs ungewohnte oder gar bekämpfte) neue Lokalidentitäten kreiert. Also warum nicht wieder neue Bezirksgrenzen in Graz schaffen? Logischerweise bin ich kein Politiker, darum kann ich dieses Projekt auch nur als fiktives künstlerisches Gedankenexperiment durchführen. Die Idee war jedoch bereits 2011 Teil meiner im Auftrag der Stadt Graz erarbeiteten Menschenrechtsbildungsstrategie.“

TRANSMURAL – Kunst verschiebt Grenzen!

Ein Projekt von XENOS – Verein zur Förderung der soziokulturellen Vielfalt

in Kooperation mit Graz Museum, JUKUS und <rotor>

Mit Unterstützung von Land Steiermark (Kultur), Stadt Graz (Kultur) und Österreichische Gesellschaft für politische Bildung    

Impressum:

XENOS – Verein zur Förderung der soziokulturellen Vielfalt
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8010 Graz

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